Schlösser und Burgen in Baden-Württemberg
  Hohentübingen
 

Schloss Hohentübingen ist gleichsam das i-Tüpfelchen der Altstadt von Tübingen. Die große Renaissance-Anlage steht am höchsten Punkt Alt-Tübingens und krönt mit der eigenen Ansehnlichkeit die Altstadt auch gestalterisch. Auf der Abbildung oben sieht man die schönste Ansicht Tübingens, die Neckarseite, wo die historische Stadt fast direkt an den Fluss trat und deshalb in späteren Zeiten nicht verbaut werden konnte; Schloss Hohentübingen erhebt sich in der linken Bildhälfte, im Westen der Alstadt über deren Ziegeldächer. Solcher Schönheit, es ist zweifellos eine der sehenswertesten Altstadtansichten Deutschlands, gebührt ein Spiegel, als welcher der sanft dahinfließende Neckar gerne fungiert.
Die Geschichte der ehemaligen württembergischen Landesfestung reicht weit zurück, namentlich bis ins 11. Jahrhundert, da der strategisch wertvolle Standort um 1037 zunächst mit einer hölzernen Palisaden-Burg befestigt wurde. Mögen die einst einflußreichen Grafen von Tübingen, später zu Pfalzgrafen erhoben, ihre Erbauer gewesen sein. Die ursprünglich deutlich kleinere Anlage wurde im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts zur wehrhafteren Steinburg umgerüstet, diesmal zweifellos von den 1081 erstmals schriftlich erwähnten Grafen. Die Hohentübingen findet 1078 ihre erste urkundliche Nennung. In diesem Jahr erlebte sie ihre große Bewährungsprobe, die von der Wehrhaftigkeit der Holzanlage bestens zeugt, als nämlich Kaiser Heinrich IV. auf dem Rückweg von seinem berühmten Canossa-Gang die Burg vergeblich belagerte, verteidigt durch Graf Hugo von Tübingen, einem Parteigänger des Gegenkönigs Herzog Rudolf.
Dem  ungeachtet wurde die Holzfestung ganz zeitgemäß durch eine Steinburg ersetzt, welche jedoch ihrerseits wie der Vorgänger nicht überdauern durfte.


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Die linke Abbildung blickt auf die Ostseite des Schlosses, zur Stadt zeigend, von dieser aber zusätzlich durch eine weitläufige Bastion getrennt. Man sieht also die abweisenden Mauern der Kernburg, hoch aus dem Graben aufsteigend, welcher von einer einzigen Steinbrücke überwunden wird. Der Brückenbogen führt auf ein edles Renaissance-Portal zu, welcher für uns erstmals zu erkennen gibt, dass das Verteidigungswerk auch Repräsentationsansprüchen zu genügen hatte. Ein mächtiger Rundturm bestückt die Nordwest-Ecke des in Ost-West-Richtung gestreckten rechteckigen Schlossgevierts.
Rechts wirft man einen Blick in den Schlosshof, näherhin in dessen Osthälfte. Der vierseitig geschlossene Innenhof offenbart eine gewisse Großzügigkeit, die wegweist von der Enge mittelalterlicher Burghöfe auf die mit der Renaissance beginnende Weitläufigkeit, im Barock dann kulminierende Großartigkeit von Ehrenhöfen. Die Großzügigkeit resultiert auch aus der moderaten Höhenentwicklung der vier Schlossflügel: auf das hohe steinerne Sockelgeschoss folgt ein niedrigeres aus teilweise verputztem Fachwerk und schließlich das umlaufende Satteldach.


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Die beeindruckendste Schlossansicht ist die südliche, wo die Hohentübingen monumental aus dem Altstadtkörper in die Höhe tritt, den spiegelnden Neckar unter sich.
Die einst so stolzen Pfalzgrafen von Tübingen fielen indessen mehr und mehr in Geldnöte. 1301 mussten sie Burg und Stadt an das Kloster Bebenhausen verpfänden. Aber es kam noch schlimmer: 1342 wurden Burg und Stadt nachhaltig an die aufstrebenden Herzöge von Württemberg verkauft. Das traurige Ende der Verbindung der Pfalzgrafen von Tübingen, die über Seitenzeige noch bis ins 17. Jahrhundert weiterexistierten, mit ihrem namensgebenden Ort.
Die württembergischen Herzöge aber wussten ihren neuen Besitz vollauf zu würdigen. Sie sind die Erbauer der bis heute so ansehnlichen Renaissance-Festung. Gleichzeitig wurden sie Totengräber der alten Burganlage, welche nämlich dem Neubau vollständig zu weichen hatte, nur noch als Steinbruch ihre letzte Nutzung fand. Es war Herzog Ulrich, der die Hohentübingen 1534-1550 neu errichtete. Als zweiter großer Schlosserbauer der neuen Festung tat sich Herzog Friedrich I. hervor, der in den frühen Tagen des Barock das Schloss 1604-1607 gemäß seinerzeitigem Stand des Wehranlagenbaus um ausgreifende Bastionen ergänzte: nach Osten zusätzlich mit prachtvoller Toranlage und zur anfälligsten Seite, nach Westen, der einzigen ohne topographischen Vorteil.
Damals lag der große europäische Krieg längst schon in der Luft, der sich dann vor allem auf deutschem Boden entlud: der 30jährige Krieg. Und freilich schlug dieser nach den 7 württembergischen Landesfestungen, also auch nach Tübingen. 1634, nach der Schlacht von Nördlingen, endend mit einer verheerenden Niederlage für die  protestantischen Kräfte, in welche sich Württemberg eingereiht hatte, wurde die Festung kampflos an den katholischen Kontrahenten übergeben. 1647 aber kamen die katholischen Franzosen, im Bunde mit den protestantischen Mächten, und eroberten die Festung zurück. Dabei sprengten sie einen der Ecktürme, 1647, ein Jahr (!) vor Beendigung des für Deutschland so fürchterlichen 30jährigen Krieges. Insgesamt aber blieb Schloss Hohentübingen intakt. 


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Die Abbildung links oben zeigt die Westseite, die gerade angesprochenen bastionären Anlagen von Herzog Friedrich I. die sich weit vor das eigentliche Schloss schoben, um dieses potentiellem feindlichen Beschuss zu entziehen. Links das sogenannte Schänzle, rechts der dicke südwestliche Rundturm, beide einst Geschütze aufnehmend.
Ein überaus edles Renaissance-Portal zeigt die Hofseite des Nordflügels (Foto links unten), eines herzoglichen Hofes, wie es der württembergische war, ohne weiteres würdig. Die Hohentübingen diente in der Renaissance zeitweise zumindest als Nebenresidenz zur eigentlichen Hauptresidenz der Herzöge, dem Alten Schloss in Stuttgart, und so durften den wehrhaften Fassaden auch mancherlei repräsentatives Würdesymbol, allen voran für die Portale, keineswegs fehlen. In erster Linie jedoch war das Schloss eine der 7 Festungen zur Verteidigung des Herzogtums, darin vereint mit den Bollwerken Hohennasperg, Hohenneuffen, Hohentwiel, Hohenurach, Kirchheim (Teck) und Schorndorf.
Die schönste Innenhofansicht, obgleich als Nordseite immer im Schatten liegend, stellt der Südflügel (Bild rechts). Es ist der weit auskragende Fachwerk-Laubengang, der das entscheidende Mehr an Ansehnlichkeit gegenüber den drei anderen Ansichten begründet.


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Der gefälligste Treppenturm des Schlosses steht gleichfalls im Innenhof, namentlich in dessen Nordost-Winkel. Prächtiges Renaissance-Portal, rautenförmige Fenster, wie sie typisch für den Treppenturm-Bau dieser Kunstepoche, sowie eine Fachwerkspitze ziehen die Blicke auf sich.
Noch weniger satt sehen kann man sich an der reizvollsten, spektakulärsten Schlossansicht, der steil aufragenden Südansicht. Auch hier kontrastiert das Fachwerk des Obergeschosses effektvoll zur sonstigen Putzansicht. Und drohend stösst die Südost-Bastion nach vorne in den Altstadtkörper.
In der Historie, genauerhin bis ins 18./ frühe 19. Jahrhundert war diese Altstadtansicht sogar noch reizvoller, wie z.B. der bekannte Kupferstich des Matthäus Merian von 1643 beweist. Seinerzeit zeigten die Altstadthäuser ihre später überputzten Fachwerk-Fassaden und die hohen Stadtmauern unterstrichen die Wehrhaftigkeit der Landesfestung. Obendrein besaß das Schloss noch seinen Südost-Rundturm sowie einen zweiten vorgelagerten Rundturm an der Stelle der spitzen Bastion. Es war die Glanzzeit der Hohentübingen, welche ab dem 18. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung verlor, einhergehend mit sukzessiver Vernachlässigung der Gebäudesubstanz.


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Links oben blickt man von der östlichen Bastion hinunter auf die sehenswerte Altstadt von Tübingen. Für den an der Baukunst interessierten Besucher bilden Altstadt und Schloss dank der Durchgängigkeit an historischer Substanz eine nur durch die Schloss-Wehrmauern unterbrochene Einheit.
Hoch über der Stadt steht auch die nördliche Längsseite der Hohentübingen (Foto darunter). Trotz starker Kürzung erkennt man noch die mit der den Schlossmauern verbundene Stadtmauer. Neben dem Schänzle im Westen und dem mächtigen Rundturm im Osten ist es vor allem ein sich deutlich nach vorne schiebender Risalit, der als besonderer Blickfang der Außenseite des Nordflügels fungiert (rechte Abbildung). Seit der dringend benötigten, sehr aufwendigen Schloss-Renovation 1979-94 findet man in der einstigen Landesfestung eines der größten archäologischen Universitätsmuseen Europas! Die Schlossanlage nimmt heute neben wechselnden Sonderausstellungen das seit 1994 eingerichtete, jedoch  erst ab 1997 der Öffentlichkeit zugängliche Museum der Universität Tübingen auf. Zu sehen sind u.a. Lehrsammlungen der Institute für ältere und jüngere Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie, Ägyptologie sowie die Abgusssammlung des altorientalischen Seminares und der Ethnologie.


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Die schönste Hofansicht, die Nordseite mit Fachwerk-Laubengang, gewahrt man nochmals links, durch den östlichen Rundbogen-Durchgang gesehen. Rechts oben blickt die Südseite mit dem dicken Südwest-Rondell in Richtung Neckar. Und darunter schiebt sich der östliche Torbau über die Altstadtdächer.
Von großen Zerstörungen verschont, zumindest bis ins frühe 18. Jahrhundert vom württembergischen Hof mit Aufmerksamkeit bedacht, im 20. Jahrhundert schließlich bestens instand gesetzt, zeugt die Hohentübingen noch heute vom Kunstsinn der Renaissance und der Fortifikationskunst bis zum frühen Barock. Als am besten erhaltene württembergische Landesfestung zählt sie darüber leicht zu den reizvollsten Schloss- und Burganlagen Baden-Württembergs. Zusammen mit der Altstadt steht die Hohentübingen  für einen der schönsten Anziehungspunkte unseres Bundeslandes.


Quellen
1) Besichtigung vor Ort: Schloss und Landschaft
2) Wikipedia-Artikel Schloss Hohentübingen
3) Homepage der Universität Tübingen

4) Gradmann, Eugen / Christ, Hans / Klaiber, Hans: "Kunstwanderungen in Württemberg und Hohenzollern", Belser Verlag Stuttgart, 1955


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