Schlösser und Burgen in Baden-Württemberg
  Heidelberger Schloss
 

Die Heidelberger Schlossruine, sie thront majestätisch über der Altstadt, auf dem Wege zur Spitze des Königstuhles. Ein unregelmäßiges Quadrat bereitet ihren Grundriss, ordnet die zahlreichen Gebäulichkeiten um einen großen Hof. Zwischen bizarrer Ruine, abweisendem Bollwerk, höchstem Kunstsinn oszilliert das Schloss, das die Welt staunen macht. Ein Flügel wagt den Ausfall aus dem Geviert, schlägt Kontakt zum mächtigsten der insgesamt sieben Türme. Nach Osten, Westen und Süden trennt ein schwindelerregender Halsgraben ab, so tief als breit. Dann tritt heran, was in den Blütezeiten der Residenz, welche von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des 30jährigen Krieges, den Schlossbauten an Berühmtheit nicht einen Deut nachstand: Der “Hortus Palatinus”, der Schlossgarten, der von allen Seiten an den Hirschgraben fährt.
Nach Norden indes, damit aber zur Altstadt, trumpft der schönste Außenprospekt des Kurfürstenschlosses. Von Ost nach West, von links nach rechts die folgenden Bauwerke: der zunächst runde und wuchtige, nach oben oktogonal und immer kunstvollere Glockenturm, gleichsam aus dem zu Füßen platzierten Zeughause in die Höhe strebend - der Gläserne Saalbau, der älteste der drei Renaissance-Paläste, seine kunstvolle Fassade aber alleine dem Hofe aufsparend - der Friedrichsbau mit prächtigem Antlitz, der jüngste der Renaissance-Palais, dem die große Aussichtsplattform Altan vorgelagert - unscheinbare Partien des Frauenzimmerbaus - reizvoll sich nach vorne schiebend der Fassbau, mit großen gotischen Maßwerkfenstern - die pilastergegliederten Überreste des Englischen Baus, dem letzten Palast des Schlosses, sich dem Barockstil zuneigend und balancierend auf einem sehr hohen massiven Unterbau; er der Flügel, der aus dem Geviert heraustritt und Verbindung sucht zum - Dicken Turm, dem mächtigsten der Schloss-Campanile, nach vorne durch die Sprengungen des Jahres 1693 gar böse aufgerissen.
Das Bedeutsame dieser aus der Altstadt in verschiedenster Weise zu gewinnenden Ansicht offenbart sich dem Eintreffenden, dem Besucher und Touristen, augenblicklich. Die Heidelberger ist die schönste Schlossruine der Welt, das berühmteste Bauwerk Baden-Württembergs!

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Der Anziehungskraft kann man sich nicht erwehren. Es steht eine Bahn zur Verfügung die überwiegende Anzahl aber wählt die zwei Wege, die vom Kornmarkt direkt zum Schloss führen. Und direkt bedeutet steil! Alleine zwischen Rampe und Treppe besteht die Wahl.
Der östliche Weg, die Rampe, führt unter dem Altan hindurch und direkt auf den Schlosshof. Eine Führung, die im Nachteile, den eigentlichen Höhepunkt, als welcher die Besichtigung des Hofes immer zu gelten hat, zu früh vor Augen zu lenken. Für die Steigerung - freilich immer als Steigerung vom höchsten zum allerhöchsten zu denken, denn das noch weitere Erhöhungen möglich sind, will man bei Betrachtung der Ansicht zur Altstadt wohl kaum glauben - für den empfehlenswerten Klimax wähle man den westlichen Weg; für die meisten Ersteiger vermutlich die längste Treppe ihres Lebens! Aber eine Anstrengung, die sich lohnt: man gewinnt monumentale Anblicke der aus nächster Nähe umso schauriger in die Höhe fahrenden Schlossmauern, freilich auch erste Überblicke auf die Altstadt.
Endlich hat man es geschafft; zuletzt stand die Mauer des Stückgartens drohend wie ein Damoklesschwert über einem. Ein lustiges Schildhäuschen wird gewahrt, eine der wenigen Maßnahmen des 18. Jahrhunderts, da der kurfürstliche Hof alle seine barocke Prachtentfaltung nach der neuen Residenz Mannheim verfügte.
Indessen haben wir die in vielerlei Hinsicht geschichtsträchtigen Außenmauern durchschritten, befinden uns auf dem sehr weitläufigen Areal des Schlosses, dessen Ausdehnung weitere körperliche Anstrengungen aufgibt. Hier aber - im ständigen Angesichte des Schlossgevierts - wird man von den Prospekten auf Schloss, Stadt und Landschaft gezogen und geschoben, getrieben und beruhigt, dass man der langen Wegstrecken kaum gedenkt. Man ist gebannt.


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Und auf solche Weise findet man sich plötzlich im Stückgarten wieder, wie man sich vom Überblick auf Heidelbergs Altstadt, ihrem “Fluss” in die Rheinebene kaum wegdenken möchte. Auf dem relativ schmalen Streifen, der gleichsam aus Süden eine Brücke an den Dicken Turm schlägt, standen einst die Geschütze (darum Stückgarten). Nach Westen fallen die Mauern tief zur Stadt und nach Osten steil und glatt in den Halsgraben (“Hirschgraben“). Im frühen 17. Jahrhundert aber, unter dem letzten großen Schlosserbauer der Heidelberger Kurfürsten, Friedrich V., nachmals der so unglückliche wie berühmte “Winterkönig“, kam diese wehrhafte Partie in das Bild eines barocken Lustgartens.
Das 16. Jahrhundert sah weiter prosperierende Zeiten für Heidelberg und die Kurpfalz, aber auch die ersten konfessionellen Spannungen infolge der sich bahnbrechenden Reformation. Und bereits der Schmalkaldische Krieg 1546/47 verhieß nichts Gutes. Im Heidelberger Schloss  indes, und namentlich Friedrich V., seit 1613 amtierend, wollte davon nichts wissen. Und brachte nicht auch seine Heirat mit der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart, der engen Verbindung mit der einflussreichen und gleichfalls protestantischen Krone Englands Sicherheit genug, Schutz genug vor dem katholischen Habsburg, das die Kurpfalz mit einer evangelischen Fürstenliga ohnehin in einem reichsdeutschen Gleichgewicht hielt?
Und da wurde der junge Kurfürst leichtsinnig. Das führte ihn ab 1619 zunächst auf den Gipfel der Macht, auf den Königsthron Böhmens, nur wenige Jahre später aber in den Tod, die Kurpfalz an den Rand der Auslöschung. Dem Aussehen des Schlosses indessen tat dieser Leichtsinn nur gut, betrachtet alleine unter baukünstlerischem Gesichtspunkt. Die tragischste und traurigste Gestalt unter den Kurfürsten ließ die Künste dergestalt erblühen, dass sie die Wehrhaftigkeit mehr und mehr unterminierten.
In diesem Sinne ward auch der Stückgarten erachtet. Das “Rondell”, ein halbrunder fünfstöckiger Batterieturm, der der Mauer des Stückgartens vorgelagert, ein Werk des Schlossbaumeisters Lorenz Lechler und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet - das Rondell ward um ein Stockwerk, damit auf die Höhe des gleichzeitig angelegten Lustgartens gestutzt, mit einer abschließenden Balustrade geziert. Wo einst die “Stücke” (Geschütze), da blühten nun die Blumenfelder; wo einst die Soldaten die Kanonen putzten, da lustwandelten jetzt der junge Kurfürst und seine englische Gemahlin.
Der wehrhaft Gesinnte mag darüber die Stirn runzeln - letzten Endes aber zu Unrecht. Denn schon die Natur und Friedrichs Vorgänger hatten beträchtliche “Vorarbeit” geleistet. Schon 1537 ging nämlich der als Pulvermagazin dienende “ungleiche Zwilling” des Schlosses in die Luft: die “Obere Burg”, infolge eines Blitzschlages.
Seit dem 11. Jahrhundert gab es in Heidelberg eine Burganlage, urkundlich gesichert aber nur seit 1225. Und 1303 ist erstmals von zwei Burgen die Rede. Beides Höhenburgen, die in typischer Manier der Staufer errichtet, in der Manier des 12. Jahrhunderts. Indessen durfte sich alleine die untere Anlage, das heutige Schloss, wirklich fortentwickeln. Die Obere Burg aber diente als wichtige Sicherung der anfälligen Seite der unteren Anlage. Von Norden, also von der Stadt aus schien das Schloss uneinnehmbar, von Süden aber, trotz des wahrlich beeindruckenden Hirschgrabens jedoch keinesfalls. Umso notwendiger also ein vorgeschobenes Bollwerk, das etwaigen Invasoren dann gleichsam in den “Rücken” hätte schießen können. 1537 aber ging diese Absicherung unter und ward nicht wieder errichtet. Zahlreiche Meter höher im Süden findet man heute nur noch Grundmauern dieser Burg.


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Aber selbst wenn diese Veste sich erhalten, der Stückgarten grimmige Söldner statt fröhlicher Blüten fortgetragen hätte, wenn keine einzige verschönernde Maßnahme an der Wehrhaftigkeit gerüttelt hätte, Stadt und Schloss wären im 30jährigen Krieg und erst recht im noch schlimmeren Pfälzischen Erbfolgekrieg genauso in Feindeshand gefallen. Zu groß in beiden Fällen die Übermacht. Ganz andere Städte und Festungen, die ohne den Nachteil topographischer Schwachpunkte, fielen in diesen Kriegen. Der Leichtsinn Friedrich V. war wohl von katastrophalem Effekt auf politischer Ebene, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn durch die Übernahme der böhmischen “Wenzelskrone” ward indirekt ja nichts geringeres losgeschlagen als der schon in der Luft liegende große mitteleuropäische Krieg, später als der 30jährige bekannt - für die Schlossanlage aber brachte sie den Kurfürsten zu mannigfaltigen Verschönerungen, die noch heute von gewichtigem Anteil an der Gesamtwirkung. Nur rund ein Jahrzehnt, ab 1610, war Friedrich V. Einflussnahme auf die Schlossgestalt vergönnt; ein Jahrzehnt aber, das das reiche Wirken des Kurfürsten billig dokumentiert.
1693 wurden Schloss und Stadt nach 1689 das zweite Mal von des “Sonnenkönigs” Truppen erobert. 1689 begnügten sich die französischen Demolierer noch mit Unterminierungen, die im Bedarfsfalle eine neuerliche Eroberung erleichtert hätten. 1693 aber machten sie “Nägel mit Köpfen”, zumindest was die Wehrhaftigkeit anbelangte. Wohl blieben die Wohnbauten zumeist verschont, die Wehranlagen aber wurden planmäßig gesprengt. So auch unser Stückgarten-Rondell, dessen mehrere Meter dicke Mauer zur Hälfte weggerissen.
Dann der Dicke Turm, größter Wehrturm der Anlage. Er auf der Nordwestseite ja auch sehr markant für die Ansicht zur Stadt. Während die zur Stadt weisende Partie des Rundturmes weggesprengt, blieb der Anteil zum Stückgarten zumindest ruinös erhalten. Ein gewaltig’ Bild der Zerstörung bietet der bis 1693 von einem sehr hohen Zeltdach gedeckte Turm nichtsdestotrotz. Bis zu 7(!) Meter dick hier die Mauern, was bei der Halbierung des Gebäus auch offen am Tage.
Auch im Falle des Dicken Turmes ließ sich Friedrich V. nicht abhalten. Mittlerweile durchaus unstandesgemäß führte der Turm im obersten Geschoss Fachwerk; das wollte nicht länger gelitten werden. Und so erhielt der 1533 so trutzig empor gemauerte Turm im Jahre 1619 eine edle Sandsteinfassade mit zahlreichen großen Fenstern. Im übrigen eine der letzten Maßnahmen des alsbald so unglücklichen Kurfürsten, da nämlich ab 1618 der 30jährige Krieg schon in seinen ersten Ausläufern. Im Erbauungsjahr bekam er denn auch die böhmische Krone aufgesetzt, was denn die vorherigen Thronbesteiger, die Habsburger, genauso wenig dulden wollten, wie Friedrich V. das Fachwerk an solch exponierter Stelle. Zum Stückgarten hin haben sich die großen und mit Steinkreuzen versehenen Rahmungen teilweise erhalten. Außerdem bemerkt man, wie das Rund des gewaltigen Unterbaus spannungsvoll gegen eine polygonale Grundform vertauscht, wie dem Turme eine nicht allzu hohe Mauer mit horizontalen Schießscharten vorgebaut und freilich auch den großen Figurenschmuck: ein mittiges Wappen wird von den beiden Turmerbauern gesäumt - Ludwig V. (ab 1533) und Friedrich V. (1619).


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Im direkten Anschluss der Palastbau des traurigen Kurfürsten: der Englische Bau, errichtet 1612-15, letzter Palas in der Baugeschichte des Schlosses. Nur wenige Jahre zuvor, 1607, ward der Friedrichsbau vollendet. Und dennoch welch stilistischer Unterschied zwischen den beiden Palais! Während der Friedrichsbau noch Schmuckstück deutscher Renaissance, verbreitete der Englische Bau bereits barocken Anspruch. Was aber beide verband, gewahrte man in den jeweils zwei Schaufassaden, die jede über zwei große Zwerchhäuser verfügten. Während die älteren Palastbauten nur zur Hofseite mit großen Öffnungen, belebenden Details, dagegen nach außen verschlossen und abweisend, zeigen die beiden jüngsten nach beiden Hauptseiten Öffnung und kunstvolle Fassaden.
Der stark ruinöse Englische Bau steht auf merkwürdiger Grundform, spitz auf den Dicken Turm zulaufend. Die sich dabei ergebende Grundfläche konnte nicht allzu groß sein und wurde auch durch nur zwei Vollgeschosse, ein ausgebautes Dachgeschoss nicht zu wirklicher Großzügigkeit erweitert. Obgleich die beiden freien Seiten - nach Süden und Norden - mit Sorgfalt und Kunstsinn bedacht, so gab sich die Stadtseite (Norden) weit mehr Feierlichkeit. Eine kolossale Pilasterordnung verschönerte ganz im neuen barocken Sinne, der die geschossweisen Säulen der Renaissance gegen stockwerksübergreifende Kolossalsäulen (oder -pilaster) vertauschte. Indessen hatte diese Seite mehr zu leiden, zeigt nur noch zwei Pilaster in voller Länge, ist das obere Stockwerk samt der folgenden Aufbauten verschwunden. Dagegen konnte die direkt auf den Halsgraben weisende Südseite noch die gesamte Fassade, selbst der Zwerchhäuser überliefern. Weil die zwei Stockwerke über dem gewaltigen Unterbau nichtsdestotrotz konsequent ausgehöhlt, ergibt sich eine irritierende Ansicht: man gewahrt eine lange und hohe Wand, welche mit ihren zahlreichen Fenstern einerseits selbst auf dem großen Unterbau “balanciert” und andererseits die kleinen Zwerchhaus-Vorderseiten im Gleichgewicht halten muss. Die zahlreichen Fenster werden von barocktypischen Rahmungen gefasst; auch die Balkenverdachungen und Gesimsbänder setzen barockes Gemeingut ab.
Freilich deutet der Name “Englischer Bau” auf die Vermählung 1613 mit Elisabeth Stuart hin. Die Prinzessin war nicht allzu glücklich mit ihrer neuen Residenz, fand Heidelberg provinziell, das Schloss nicht standesgemäß. Geplagt von ihrem Heimweh und ihrer Ambition sah sich Friedrich umso stärker angespornt erst zu verschönern - dann nach der “Wenzelskrone” zu greifen. Von verschiedenen Seiten ward ihm von der Krone abgeraten, und er selbst sah das Wagnis deutlich. Dann aber nahm er das Ehrerbieten der gleichfalls protestantischen Böhmen, die keinen katholischen Habsburger mehr leiden wollten, doch an. Der Anfang des 30jährigen Krieges!
Ende 1619 fand die erste große Schlacht dieser Drangsal statt: am Weißen Berg, kurz vor Prag. Friedrichs Truppen verloren gegen die katholische Liga, waren chancenlos. Der Kurfürst musste Hals über Kopf fliehen. 1622 fiel mit Heidelberg auch die Hauptstadt der Kurpfalz. Und 1632, der Hof hatte sich längst nach Holland geflüchtet, starb Friedrich nach Verhandlungen mit den Schweden an einem ständigen Marschgepäck der Heere dieses Krieges: der Pest! 


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1615 aber ward noch gefeiert auf dem Schloss. Und da ließ der Kurfürst seiner Gattin ein besonderes Kleinod aufrichten, der Legende nach über Nacht: das Elisabethentor. Auf der dem Englischen Bau gegenüberliegenden Schmalseite des Stückgartens, nahe zum Hirschgraben, ließ man das Rundbogentor die Anlage veredeln. Dessen Außenseite (Süden) die aufwendige Schauseite: zwei Doppelsäulen tragen Gebälk und einen gesprengten Giebel. Wie bei fast alle Schlossbauten wurde aus rotem Sandstein verfertigt. Tritt man näher, bemerkt man den beständigen Hang zu “vegetabilisieren”, d.h. pflanzliche Formen einzubringen: die Säulenschäfte erscheinen als Baumstämme, deren Kapitelle wie Büschel. Reizvoll auch wie die Eckpartien des gesprengten Giebels sich nach innen zu Voluten schnörkeln.
Die Schlosspartie zwischen Englischem Bau und Elisabethentor, welche über den Hirschgraben hinweg zu gewahren, sie die Westseite des Schlossgevierts, die am meisten zerschlagene. Eine zerklüftete Welt der Mauern, eine bizarre, aufreizende Ansicht. Vier Bauwerke, die innere Ummauerung und natürlich der irrwitzige Halsgraben, dessen Tiefe den Betrachter schauerlich an sich zieht, beteiligen sich am Spektakel. Ganz links der Frauenzimmerbau, dann der böse aufgerissene Bibliotheksbau, der gleichsam seine Innereien feilbietet, ganz rechts der Ruprechtsbau, dessen Außenwände immerhin noch intakt und der noch einen hohen polygonalen Treppenturm einbringt, und dem Ruprechtsbau vorgelagert der kleinste der sieben Wehrtürme, der “Seltenleer”. Dieser tritt in Rundform genau an der Südwestecke in die Höhe, aus dem Hirschgraben. Um 1530 errichtet, diente er auch - wie der Name schon suggeriert - als Kerker. Obgleich er mit seinen 16 Metern Durchmesser, der gelinden Höhe den anderen Türmen weit nachsteht, wollten ihn die Demolierer 1693 gleichfalls nicht mehr gelten lassen. Vollendet wird der so effektvolle Westprospekt durch den wuchtigen Torturm, der wie ein Wächter über die skurrile Szenerie.
Großes Staunen, auch Entsetzen über das Zerstörungswerk macht sich beim Anblick des Westprospektes ganz regelmäßig breit. Das gewiss überraschendste dabei, dass dieses Trümmerbild keinesfalls abstößt, ja vielmehr ganz eigene Reize entwirft. Die Demolierung 1693 und die Folgen des Blitzschlages 1764 haben hier keineswegs einfach nur zerstört, aus der Welt geschafft. Man rätselt nicht wenig, will den Schluss auch lange genug nicht wahrhaben; am Ende aber muss man bekennen, dass hier nichts Anderes geschehen als dass ein Reiz gegen den anderen vertauscht. Die ursprüngliche, wohlgebaute Ansicht musste gehen, was sie aber zurückließ, entwirft einen neuen Effekt, der dem ersten nicht nachstehen will.
Dieser sehr merkwürdige Wechsel des Reizes aber ist der allgemeine des Heidelberger Schlosses. Auf die mittelalterliche Burg, ein Bollwerk, das bis Mitte des 16. Jahrhunderts immer trutziger, folgte anschließend der Ausbau zu einem mehr und mehr kunstvollen Objekt, zu welchem die feine Renaissance die Stilmittel eingab. Dieses sehr malerische Bild, gefangen zwischen Trutz und höchstem Kunststreben, ward 1693 empfindlich gestört, 1764 noch weiter zur Ruine verwandelt. Damit aber war die ursprüngliche Karriere als Residenzschloss endgültig getilgt, am Ruinösen der Prospekte auch leicht genug nachzuvollziehen.
Nicht mehr viel gab man ab 1764 auf das Heidelberger Schloss, bald nur noch so wenig um es alleine unter dem Gesichtspunkte eines billigen Steinbruches anzusehen!


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In welcher Gefahr diese Inkunabel der Romantik seinerzeit will man heute kaum mehr glauben. Das Schicksal aber führte ganz anderes im Sinne, und zunächst wollte es  versöhnen! Die Zerstörung 1693 erfolgte auf Befehl des “Sonnenkönigs”. Das Ende der ersten Karriere des Schlosses ward also von französischer Hand eingeleitet. Da konnte gar nichts Glücklicheres geschehen, als dass die neue Karriere des Schlosses wiederum französisch gewirkt. Die Abwendung des Steinbruch-Loses verdankt sich zuvörderst dem Grafen Charles de Graimberg, einem Franzosen also! Durch unermüdliche Dokumentation der Ruine im frühen 19. Jahrhundert, die Publikation derselben in ganz Europa, ist er ganz maßgeblich an der Bewusstwerdung ihres Wertes beteiligt. Das war Graimbergs Lebenswerk, und es rettete die Schlossruine!
Als Ruine nahm sie nun neuen Schwung, ihre Bedeutung über die folgenden fast zwei Jahrhunderte soweit steigernd, dass heutigentags Menschen aus aller Herren Länder am Schlosse ein Gewimmel wirken, das seinerseits als eine echte Besonderheit, als ein Ruhm Baden-Württembergs gelten darf. Das ganz zweifellos die erstaunlichste Karriere eines (nachmals) baden-württembergischen Bauwerkes, vielleicht sogar die merkwürdigste ganz Deutschlands.
Indessen umrunden wir weiter das Schlossgeviert. Der Elisabethenbogen wird passiert. Die Südseite tritt nun mehr und mehr ins Bewusstsein. Und hier herrscht ganz unangefochten der mächtige Torturm. Er der einzige der sieben Schlosstürme, der die runde Grundform zugunsten der quadratischen verschmäht und darüber zu umso bulligerer Wirkung aufsteigt. Glatt die roten Sandsteinfassaden und unabsehlich hoch die Wände, wenn man aus dem begehbaren Hirschgraben die Höhe abwägen möchte. 1531-41 ward der 40 Meter hohe Trutz durch Schlossbaumeister Moritz Lechler emporgeführt, fast öffnungslos, gegliedert aber von drei Gesimsbändern, worunter das unterste mit veredelndem Rundbogenfries. So wuchtig das Gebäu, dass der eigentlich nicht enge Durchgang in der Gesamtansicht wie der schmalste Durchschlupf!
Zwei Riesengestalten drohen über dem rundbogigen Tor, weshalb er klangvoller “Riesenturm” genannt. In bestem Erhaltungszustand strebt er aus dem Halsgraben, blieb tatsächlich als einziges Schlossbauwerk aus Residenztagen unzerstört! Unzerstört, aber nicht unverändert: denn 1718 ersetzte ein barocke Haube mit Laterne das einstige Zeltdach. Lustig sitzt die liebreizende Schweifung auf dem bulligen Turmkorpus. Ein formaler Gegensatz. Bis 1718 strebte das Zeltdach noch weiter in die Höhe, machte die Turmansicht gar noch monumentaler und abweisender.


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Von bester Wirkung auch die steinerne Brücke, die den Bogen über den Hirschgraben zum sogenannten “Brückenhaus” schlägt. Den Abgrund des Halsgrabens überwindend, musste auch sie zu monumentaler Wirkung aufsteigen. Bögen furchen die gewaltige Mauermasse, und von ferne grüßt der Eindruck eines römischen Aquädukts. Bis 1718, weil man sich vor etwaigen Angreifern freilich verschanzen wollte, nahm hier eine hölzerne Zugbrücke ihr Auf und Ab. Das kleine zweistöckige Brückenhaus indes stammt zwar aus dem frühen 16. Jahrhundert, musste in der Folge aber mancherlei Veränderung dulden, wie den Ersatz des Fachwerks im Obergeschoss durch Steinwände (17. Jahrhundert). 1822 richtete hier unser gräflicher Schlossretter Graimberg ein erstes Museum ein.
Schwindelerregend hoch der Mauerzug rechts des Turmes; mit der alleine abgegangenen Überdachung des inneren Wehrganges blieb die unersteigbar scheinende Mauer nur wenige Meter hinter der Torturm zurück.
Vielleicht vermeint man nach den bisherigen Prospekten des Spektakels genug, hält Steigerungen schlicht für unmöglich. Gefehlt! Wir umrunden nicht von ungefähr ein Gebäu mit Weltgeltung - und die nun zu gewahrende Steigerung ist keineswegs die letzte!  An der Südostecke des Gevierts strebt ein weiterer Rundturm aus dem Hirschgraben, der Anfang des 15. Jahrhunderts errichtete “Krautturm”. Für die Südseite des Schlosses berechnen wir also eine effektvolle Turmsilhouette: Seltenleer - Mauerabschnitt - Riesenturm - Mauerabschnitt - Krautturm. Am monumentalsten der Torturm, spektakulärer aber der Krautturm. Er barg, wie der Name schon andeutet, im Untergeschoss das Zündpulver (“Zündkraut”). Vielleicht hat der Eroberer deswegen bereits 1689 gesprengt. Die planmäßig herbeigeführte Explosion führte aber zu einem wahrlich unplanmäßigen Ergebnis, das seither zu den kuriosesten Architekturbildern weltweit zählt. Der Turm mit seinen gewaltigen, fast 7 Meter dicken Mauern wollte nicht wie jeder x-beliebige Turm zerbersten; ein riesiges und dickes Bruchstück entließ er, welches aber nach kurzem Gleiten schon wieder an sich gezogen! Das seltsamste Bild und gleichzeitig ein leicht nachvollziehbares.
Der Kraut- als Eckturm leitet die vierte Ansicht des Schlossgevierts ein, den langen Ostabschnitt, unsere letzte Seite. Auch sie trägt ein ganz eigenes Gepräge, zeigt (abgesehen vom Krautturm) die ruhigste Seite, ein majestätisches Antlitz, das zwar wiederum durchgängig ruinös, aber ohne in eine skurrile Szenerie zu treten wie die gegenüberliegende Westseite. Gar reizvoll tritt hier zunächst der Höhenzug der gegenüberliegenden Neckarseite, Michaels- und Heiligenberg, mit in den Prospekt. Wie auf der Südseite auch hier drei Türme: “Krautturm”, “Apothekerturm” und “Glockenturm”. Statt verbindender Ringmauern drängen sich hier aber Wohnbauten dazwischen: der “Ludwigsbau” zwischen die ersteren beiden und  “Ottheinrichsbau” und “Gläserner Saalbau” zwischen den mächtigen Apothekerturm und den nach oben immer schlankeren Glockenturm.


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Während der nach außen ohnehin unprätentiöse Ludwigsbau von Vegetation weitgehend verdeckt, schiebt sich der runde Apothekerturm bullig in Szene. Spätestens im frühen 16. Jahrhundert erbaut, galt er bis 1600 als reine Fortifikation. Dann aber musste auch er verschönert werden. Eine Aufstockung mit zahlreichen edel gefassten Fenstern war die Folge. Zusätzlicher Wohnraum für den Hofstaat gab der Verschönerung die innere Notwendigkeit; und es wird nicht wunder nehmen, dass in einem Gebäu solchen Namens die Schlossapotheke untergebracht.
Zahlreiche, edel gefasste Fenster zeigt auch der Ottheinrichsbau. Alleine gemessen an der dezidierten Pracht seiner Innenseite nimmt sich diese Ansicht nüchtern aus. Der Gläserne Saalbau streckt immerhin ein schmucken Erker von sich; aber auch in seinem Falle bietet die Schlosshofseite weit mehr. Beide Bauten verloren ihre Giebel: der Ottheinrichsbau präsentierte zwei Renaissance-Giebel, der Saalbau einen spätgotischen Staffelgiebel.
Verbleibt der Glockenturm, dessen Verschönerung die auffälligste unter den Türmen. Der mächtige runde Unterbau stammt noch aus dem 15. Jahrhundert; die beiden oktogonalen Aufsätze rühren aus den zwei Folgejahrhunderten, machten den Wehrturm nach außen immer eindrucksvoller, nach innen immer wohnlicher. Bis 1764 war der Turm noch kunstvoll überdacht, dann ruinierte auch hier der verheerende Blitzschlag. Indessen sind die meisten Fenster, respektive deren ungewöhnlich gotisierende Rahmungen noch erhalten. Auf der Westseite begleitet ein schlanker, runder Treppenturm die sieben Stockwerke. Trotz Zerstörung noch heute ein sehr gefälliges Bild, das an der Nordostecke des Schlossgevierts ja auch von großem Einfluss auf den vorzüglichen Prospekt zur Altstadt.
Natürlich kann auch die vorangestellte Befestigung nicht unentdeckt bleiben. 1680, die Ereignisse des 30jährigen Krieges noch im Hinterkopf, des “Sonnenkönigs” Generäle in den 1670ern schon Südbaden verwüsten sehend, verstärkte man die Fortifikation nochmals. Die Spitzkasematte ward der Ostseite als zusätzliche Sicherungsmaßnahme vorgebaut. Nach dem Ende des “endlosen” Krieges, 1648, konnte der Hof nicht nur zurück in die Kurpfalz, sah im Sohn Friedrich V., in Karl Ludwig nicht nur den rechtmäßigen Herrscher wieder eingesetzt, man erhielt sogar die zu Beginn des 30jährigen Krieges verlorene Kurwürde zurück. Damit war die Kurpfalz zur alten Bedeutung zurückgebracht. Alleine die unaufhörlichen Schrecken des Krieges, die Not, die Deutschland um viele Jahrzehnte zurückgeworfen, ja auch die blanke Entvölkerung (in Süddeutschland nur noch ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung!), sie waren noch für viele Jahre wie ein dunkler Schatten, gleich einem düsteren Dämmern, als hätte man hier schon geahnt, dass die noch größere Drangsal bevorstehe. Alles nichtsdestotrotz gelinde Prosperieren, ab 1689 ward es noch böser in den Staub getreten. Bis dahin wurde das ja noch vollkommen intakte Heidelberger Schloss zwar wieder Residenz, die große Prachtentfaltung aber, sie gehörte der Vergangenheit an.
Ein letztes Mal gibt uns nochmals der in der Kunst so erfolgreiche, dafür in der Politik umso glücklosere Friedrich V. den Takt vor. Denn während wir das Schloss umrundet, bewegten wir uns durch das größte und bedeutendste Werk überhaupt des Kurfürsten: den “Hortus Palatinus”. Die große, vierfach terrassierte Gartenanlage entbreitete sich vor allem östlich des Schlosses, griff aber mit einem schmalen Streifen auch südlich um das Schloss herum, wo sie in den Stückgarten überging. Der französische Gartenarchitekt Salomon de Caus schuf von 1615-19 eine barocke Gartenanlage, gezeichnet von streng geometrischen Arrangements - einen Park also, wie er in Deutschland im 18. Jahrhundert standardmäßig an jedes Residenzschloss gelegt.


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Dass der Hortus Palatinus schon 100 Jahre früher nach solcher Gestaltung verlangte, machte ihn zum Vorreiter schlechthin, namentlich zum ersten großen Barockgarten nördlich der Alpen!
Der Hortus Palatinus verfiel in den langen Kriegszeiten schlicht und ergreifend. Nur wenige Jahre durfte er auf das frischeste vor sich hinblühen, dann war schon wieder alles vorbei, nachhaltig!
Die Terrassen immerhin konnten sich als klar definierte Ebenen erhalten. Die auffälligste unter ihnen, die 1615-19 entstandene “Scheffelterrasse”, ist gar stadtbildprägend. Auf hohen Rundbogenarkaden nimmt sie einen langen Weg entlang des Königstuhls, tritt darüber markant in das Gesamtbild der Altstadt. Im Umkehrschluss gewinnt man von der Scheffelterrasse einen vorzüglichen Überblick auf die Stadt und weiter bis tief in die Rheinebene, an Tagen klarer Sichtverhältnisse bis zum dieselbe westlich fassenden Höhenzug des Pfälzer Waldes. Und von hier lässt sich auch die gerade geschilderte Ostseite des Schlosses bestens fassen; über ein schmales, bewaldetes Tal hinweg blickt man auf die Türme und Palastwände, als würden sie gleichsam aus dieser Senke auftauchen.
Bauliche Verzierungen durften solcher Gartenanlage und erst recht dem Kunstliebhaber Friedrich V. nicht abgehen. Und so ward auch hier spektakulär ausgeschmückt. Da kam selbst das Gärtnerhaus in das Aussehen einer Villa! Von den Architekturszenerien, alle phantasievoll zwischen Renaissance und Barock schwankend, blieb leider wenig erhalten. Am schmerzvollsten der Verlust der langen Bäderterrasse im südlichen Bereich; die verbliebenen Säulenreste erinnern heutigentags reizvoll an antike Artefakte. Eine großes, kulissenhaftes Säulenarrangement im Osten ging noch restloser verloren; auch von der Gärtnervilla im Süden keine Spur mehr. Wenigstens durfte sich der originelle Eingang in die “Große Grotte” im südöstlichen Bereich erhalten: der Terrassenabmauerung ist ein märchenhaftes Tor vorgeblendet.
Vor dem Tor erhielt sich der “Neptunweiher”, ein skurriles Arrangement mit liegender Statue von “Vater Rhein”. Darüberhinaus gewahrt man noch die kleinen Eingänge in die “Kleine Grotte” im Süden, benachbart von einem begehbaren Treppenhaus und einem weiteren vorgeblendeten Tor.
Verbleibt der Schlosshof. Und er denn die letzte Steigerung! Eine Steigerung, namentlich eine Schönheit die endgültig verzücken möchte. Durch das Brückenhaus, den Riesenturm betritt man die eigene Welt, eine Welt für die man vergebens Parallelen sucht. Bedenke man alleine wie nach Osten und Norden die drei Renaissance-Paläste Ottheinrichsbau, Gläserner Saalbau und Friedrichsbau! Ersterer eine originelle Vermischung von nord- und südeuropäischem Renaissance-Verständnis, der Gläserne Saalbau mit optisch schwerem Arkadengang, Frührenaissance im lastenden Gefühl der Romanik, und der Friedrichsbau als späte Blüte deutscher Renaissance, ein Werk vollendeter Reife. Dazwischen ein weit nach vorne tretender Risalit des Gläsernen Saalbaus, ein polygonaler Treppenturm zwischen diesem und dem Ottheinrichsbau, und aus dem Hintergrund lugt der stattliche Glockenturm, seinerseits mit einem Treppenturm, in den Prospekt. Ein höchst kunstvolles Bild, gleichzeitig ein überaus lebendiges - das obendrein durch das Ruinöse der verschiedenen Partien von entschieden malerischer Wirkung!
Und wie trefflich der Schlosshof eingeleitet wird! Der Durchgang nämlich durch das Riesentor, er ist relativ lang, damit aber bei der nur spärlichen Belichtung ein dunkler. Dann der Schlosshof, die Rückkehr ins Licht. Zunächst aber nur gelinde Weitung, durchaus noch eine Engstelle. Dann erst die Öffnung des für die initiierenden mittelalterlichen Verhältnisse sehr großzügigen Schlosshofes. Der Ruprechtsbau links und die Brunnenhalle rechts leisten gleichsam Übergang zwischen dem Durchschlupf des Riesenturmes und der Lichte des Schlosshofes. Auch im Falle der Begehung des Hofes also ein effektvoller Klimax!
Verbleiben wir, obgleich man realiter von der Wirkung sofort auf den Schlosshof gezogen wird, zunächst bei den zwei genannten Bauwerken. Der Ruprechtsbau ist der älteste erhaltene Palas, erbaut um 1400 im spätgotischen Stil vermutlich durch den Frankfurter Architekten Madern Gertner. Keinem geringerem diente das Gebäu zur Behausung als einem deutschen Könige: Ruprecht I. (als Kurfürst: Ruprecht III.), welcher 1400-1410 an königlicher Macht. 1543 aber eine Aufstockung und auch der Treppenturm der Westseite, auf Wunsche Ludwig V., der als einer der wichtigsten Schlosserbauer unter den Kurfürsten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts spätmittelalterliche Wohnbauten und starke Befestigung anlegte, der also den “Grundstock” schuf für die dann folgende renaissancistische Veredelung. Die Aufstockung führte Moritz Lechler aus, einer der wichtigsten Schlossbaumeister und Sohn des in gleicher Position agierenden Lorenz Lechler. Der wuchtige rechteckige Bau liegt ruinös, jedoch unter weitgehendem Erhalt der dreistöckigen Außenwände, die eine Vielzahl edel gefasster und verschieden geformter Öffnungen präsentieren. Man gewahrt hier mittelalterlichen Reiz, kraftvolles Auftreten. Umso effektvoller also der Abgleich mit den drei Renaissance-Palästen im Osten/Norden, die weit mehr auf Prachtentfaltung setzten.
Durch den gerade eingeführten Lorenz Lechler kam der elegante Arkadenbau des Brunnenhauses um 1525 zum Stehen, wiederum unter Ludwig V.. Und wie das quadratische Bauwerk dem Schlosshof ein Kleinod, so veredelt es als effektvoller Kopfbau einen unprätentiösen Ökonomieflügel, der die Südwand des Schlosshofes stellt. Drei- bis viergeschossig der Ökonomiebau, ob der hohen spitzbogigen Arkaden nur zweistöckig das Brunnenhaus. Anmutige spätgotische Drillingsfenster in des letzteren Obergeschoss; aller entscheidender Reiz aber am Arkadengang, der einen Brunnen überdeckt. Elegant profiliert die gotischen Spitzbögen: nach Norden und Westen je zwei, nach Osten nur einer. Noch größere Bewandtnis hat es um die insgesamt sechs Rundsäulen, die die Spitzbögen abtragen. Sehr ungewöhnlich deren polygonale Kapitelle. Und von den Schäften vermutet man gar, dass sie römischen Ursprungs, später an der Ingelheimer Pfalz Karls des Großen gedient haben sollen. Kurfürst Philipp mag sie schlussendlich nach Heidelberg verfügt haben.
Der Ottheinrichsbau, mit seinen zehn Öffnungsachsen der größte Wohnbau, steht chronologisch in der Mitte, im Hof mit seiner langen vierstöckigen Fassade im Osten. Die reich und besonders geschickt ausstaffierte Rotsandstein-Fassade wirkt wie aufgespannt von den zwei beseitenden polygonalen Treppenhäusern.
Der Palast, der ob seiner originellen Verquickung von nord- und südeuropäischer Renaissance schon alleine genügte um das Heidelberger Schloss auf der europäischen Landkarte der Baukunst zu verzeichnen, wurde 1556-66 in sein erstaunliches Bild gebracht. Während der Bauherr, wie der Name schon eingibt: Kurfürst Ottheinrich, leicht auszumachen, fehlt kurioserweise die Benennung des Baumeisters!
Das zurückhaltende Sockelgeschoss wird für das überaus prächtige Karyatiden-Portal durch eine Freitreppe überwunden. Auf das hohe erste Stockwerk folgen zwei niedrigere; von den Giebeln indes nur noch geringe Spuren, reizvoll aber zwei Statuen, die auf dem obersten Gesimse um sich blicken. Bei aller Pracht genannter drei Stockwerke ist eine klare Gliederung der Fassade unübersehbar. Sie der südeuropäische, der italienische Einfluss. Breite Gurtbänder gliedern horizontal, zahlreiche Pilaster und im oberen Stockwerk Halbsäulen gliedern vertikal. Die von diesen Elementen gebildeten breiten Felder werden von je zwei Fenstern und einer mittigen Statue ausgefüllt. Überaus prächtig diese Füllungen! Zierlich und reich gearbeitet die Figuren und die Fensterrahmungen.
Und eben letztere in ihrer Manier deuten weg von Italien, auf nordeuropäischen, namentlich auf holländischen Einfluss. Auch Holland nämlich war ein Zentrum der Renaissance. Und Heidelberg liegt ja gleichsam in der Mitte zwischen Holland und Italien, weshalb beide Stilverständnisse Ansprüche auf die Fassade des Ottheinrichsbaus erhoben.
Von ganz anderer, aber nicht minder spektakulärer Wirkung der nach Norden angrenzende Gläserne Saalbau. Wichtig vor allem die mittlere der drei Hofseitenpartien: der Arkadengang. Wie lastend schwer doch diese dreistöckige Arkade, wie ferne der Leichtigkeit italienischer Renaissance! Was hier 1549-55 ja nur wenige Jahre vor dem Ottheinrichsbau so wuchtig gestapelt, man möchte es nicht für die Renaissance der Antike, sondern für eine Renaissance des Mittelalters und namentlich der Romanik nehmen! Die kurzen, ganz und gar “unitalienischen” Säulen, gedrungen, aus antiker Sicht glatt fehlproportioniert, sie erscheinen wie zusammengedrückt unter den enormen Lasten der Rundbögen! Solcher Arkadengang, optisch schwer und mit kurzen dicken Säulen, war keineswegs untypisch für Deutschland; zu diesem entschiedenen “Abkippen” in Richtung romanischer “Erdenschwere” kamen aber die wenigsten. Die dickste Säule, so kurz, dass ihr Schaft nur wenig höher als ihr Postament, im Erdgeschoss, wo sie als Solist und dabei mittig zwei weite Bögen aufzufangen hat. Darüber je drei Voll- und zwei Halbsäulen (als Wandvorlagen), die also pro Stockwerk vier nun kleinere Rundbögen abtragen.
Weniger die Erbauungszeit, vielmehr die noch im Mittelalter wurzelnde Ausstrahlung will hier zur Einordnung “frührenaissancistisch” geleiten. Der Kurpfälzer Hans Engelhardt reiht sich schon alleine durch dieses eine Gebäude unter die wichtigsten Schlossbaumeister Heidelbergs, zu Diensten hier Friedrich II.
Wie der Ottheinrichsbau reizvoll von zwei Treppenhäusern aufgespannt, so auch unser Arkadengang, dem nämlich das nordöstliche, vierstöckige Treppenpolygon gehörig, und der auf der anderen Seite von einem schmalen dreigeschossigen Giebelbau, gleichfalls zum Gläsernen Saalbau zählend, “aufgezurrt”. Spannend dabei auch der Gegensatz der Säulen-Konstruktion der Arkadenstapelung zu den klar definierten Baukörpern von Treppenhaus und Giebelbau. Endlich gefallen bei den letzteren die einmal mehr edel gefassten Fenster, am Giebelbau dessen reich gezierter Dreiecksgiebel. Obgleich die drei Renaissance-Paläste ja unmittelbar aneinander stoßen, sind die formal sehr unterschiedlichen Fassaden durch den Giebelbau und das Treppenhaus, durch deren ruhige körperhafte Erscheinung glücklich voneinander separiert; wie diese zwei Partien die Gesamterscheinung durch ihr Heraustreten auch nicht wenig beleben.
1601-07 ward als letztes Renaissance-Palais der Friedrichsbau geschaffen. Wie glücklich, dass der bedeutendste badische Renaissance-Baumeister, Johannes Schoch, für dieses Bauwerk von Friedrich IV. nach Heidelberg verfügt! Letztlich setzte Schoch hier auch ein weiteres Ausrufezeichen seiner Laufbahn. Eine beiderseits sehr gelungene Verbindung also. 1550 in Königsbach (zwischen Karlsruhe und Pforzheim) geboren, machte er vor allem in Straßburg, wo er zum Stadtbaumeister aufstieg, durch mehrere wichtige Bauten Karriere. Auch für den markgräflich-badischen Hof schuf er mit Schloss Gottesaue (Karlsruhe) ein bedeutendes Meisterwerk. In Gernsbach (Murgtal) reihte er das Alte Rathaus 1617/18 gleichfalls unter die wichtigsten Renaissance-Bauten Süddeutschlands.
Der Friedrichsbau zählt zu den besten Werken deutscher Spätrenaissance. Im Gegensatz zum Ottheinrichsbau ward der italienische Einfluss wieder reduziert, trat nordeuropäisches, deutsches Formenverständnis, das bei der Renaissance gerne noch “mit einem Fuß” in der mittelalterlich-gotischen Tradition wurzelte, wieder stärker in den Vordergrund. In diesem Sinne steht man vor den beiden Fassaden (zum Hof - und erstmals auch mit gleicher Pracht zur Außenseite/Stadt) vor einem gleichmäßig belebten “Organismus”. Die Wirkung klarer Horizontalen und Vertikalen, die den Ottheinrichsbau bestimmt, tritt hier hinter einer plastisch belebten Flächigkeit zurück. Hier “tragen” nicht Pilaster lange Gurtbänder und definieren damit Felder für die Fenster, sondern die Flut der Schmuckelemente wellt so gleichmäßig über beiden Fassade, dass der Baukörper wie aus diesen in die Höhe gebaut wirkt.
Der Fassadenschmuck selbst entlehnt sich freilich auch hier eindeutig der Antike, erbringt wiederum eine Fülle von Statuen. Die einzelnen Mittel: Pilaster, Dreiecksgiebel, verkröpftes Gesims, Rollwerkkonsolen, Triglyphen und dergleichen ward durchgängig dem italienischen Vorbild entnommen - die Art und Weise aber des Arrangements derselben entwickelte sich aus der eigenen mittelalterlich-gotischen Tradition, das Individuelle gleichsam zum Allgemeinen zu verschmelzen.
Drei überaus reiche Stockwerke wurden über das Untergeschoss getürmt, acht Fensterachsen zu beiden Seiten. Sehr reizvoll wie die beiden Fassaden skulptural in je zwei Zwerchhäuser übergehen, die sich dann ihrerseits durch schweifende Giebel alsbald verjüngen. Wie beim Ottheinrichsbau auch hier das erste Stockwerk über dem Unterbau das höchste, die beiden folgenden niedriger. Auch hier trennen von Etage zu Etage breite Gurtbänder die Fassaden; Verkröpfungen aber unterminieren ihre horizontale Wirkung. Abwechselnd dann auch am Friedrichsbau Pilaster und Statuen, dazwischen immer Zwillingsfenster, die überaus edel gefasst.
1764 brannte auch diese Pracht aus, blieben, wie beim Ottheinrichsbau noch heute zu sehen, fast nur die Außenwände stehen. 1895 bis 1903 wurde gekonnt rekonstruiert und restauriert.
Wenden wir uns den verbliebenen Bauwerken des Schlosshofes zu, allesamt Ansichten, die wieder zur Ruhe kommen lassen. Im Osten, zwischen Ottheinrichsbau und dem südlichen Flügel des Ökonomiegebäudes findet man den Ludwigsbau, einst Wohnzwecken dienend, erbaut um 1524 einmal mehr unter Ludwig V. und Hofbaumeister Lorenz Lechler. Das dreistöckige, 1764 gleichfalls ausgebrannte Gebäu erinnert in seiner Herbheit an den Ruprechtsbau, bedeutet damit den zweiten spätgotischen Palas der Anlage. Das Mittelalter schlug hier also den Takt, das Kunstvolle z.B. für die Fensterrahmungen keineswegs verschmähend, aber noch ferne der Pracht die wenige Jahrzehnte später nach dem Schlosse greifen sollte. Ursprünglich besaß der Ludwigsbau die doppelte Länge; aber der Nordflügel ward vom Ottheinrichsbau getilgt, der denn auch das vorgelagerte oktogonale Treppenhaus beanspruchte, das einst die Mitte des Ludwigsbaus akzentuierte.
Im Westen, damit aber zwischen Ruprechts- und Friedrichsbau zwei letzte Ergänzungen: Bibliotheksbau und Frauenzimmerbau. Ersterer weicht reizvoll zurück, bildet damit einen kleinen Vorplatz aus und macht die Raumform des Schlosshofes umso spannender. Erbaut um 1530 erzählt auch er von den herben, aber keineswegs kunstlosen Verhältnissen des Mittelalters. Als eine besondere Zierde “klebt” ein polygonaler Erker an der Außenwand. Maßwerkfenster und feine Bearbeitung machen ihn zu einem lieben Detail des Schlosshofes.
Der Frauenzimmerbau ist zwar überdacht, aber keineswegs unbeschädigt. Vielmehr blieb nur das unterste von einst drei Stockwerken erhalten, kam erst nach der Zerstörung unter jenes Dach. Lorenz Lechler schuf das noch Sichtbare vor 1534. Schlanke spätgotische Drillingsfenster gefallen, auch ein kleiner Risalit zum Vorplatz des Bibliotheksbaus. Auch hier verheißt der Name schon die Funktion: der Hofdamen Residenz. Überdies fand man im Erdgeschoss den prächtigen Königssaal.
Direkt an den Frauenzimmerbau stoßend, mit den Fassaden und ihren feinen Maßwerkfenstern zur Stadt zeigend, der 1591 erbaute Fassbau (Baumeister Daniel Speckle).
Die Schlossruine und die Heidelberger Altstadt zeichnen ein Menschenwerk, wie es ihm gerecht wird, eine bauliche Umwelt als Spiegelbild seiner Individualität, als Spiegelbild des Natürlichen. Die untergegangene Baukunst schuf diese Umgebung, die von der einfassenden Landschaft dann vollendet. Heidelberg mag durch ein besonders glückliches Los zu solchem Bilde gekommen sein - denn nicht überall eine solche Landschaft, nicht überall solch glänzendes kurfürstliches Wirken - und dennoch könnte Heidelberg billig Vorbild sein. Ein Vorbild spornt an, ob man es nun erreicht oder nicht! Statt dessen ist diese urbane Schönheit im 20. Jahrhundert zu einem Mahnmal wider Willen geworden. Heidelberg zeigt, wie schön die Welt sein könnte; das 20. und frühe 21. Jahrhundert dagegen wie hässlich die Realität tatsächlich. Heidelberg ist gleichsam Mahnmal der Baukunst, indessen “draußen” der Modernismus sein vermassendes, anonymisierendes, sein verhässlichendes Zepter schwingt. Der Modernismus ist Abbild unserer geistigen Verhältnisse - Heidelberg ein Hort, ja ein Bollwerk der Baukunst. Schlecht vertragen sich die beiden, sehr sehr schlecht.

 
Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Jahreszahlen; Stadt und Landschaft
2) Kupferstich und Stadtbeschreibung Matthäus Merians aus Topographia Palatinatus Rheni
3) Bernd Müller Architekturführer Heidelberg, Bauten um 1000-2000, Edition Quadrat Mannheim, Ausgabe 1998
4) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959

5) Homepage www.heidelberg.de
6) Robert Salzer und Roland Vetter Das Schloss gesprengt, die Stadt verbrannt. Zur Geschichte Heidelbergs in den Jahren 1688 und 1689 und von dem Jahre 1689 bis 1693“, Nachdruck der Ausgabe von 1878/79, kommentiert von Roland Vetter, Guderjahn Heidelberg, Ausgabe 1993
7) Informationstafeln vor Ort

 
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