Schlösser und Burgen in Baden-Württemberg
  Stuttgart Altes Schloss
 

Das Alte Schloss im Stuttgarter Zentrum ist halb Trutzburg, halb edler Renaissance-Palast, die Hauptsehenswürdigkeit der Hauptstadt von Baden-Württemberg. Entstanden um 9das Jahr 50 als Wasserburg zum Schutz eines wertvollen Gestüts, des "Stutengartens", dem Namensgeber für Stuttgart, wurde sie zugleich Ausgangspunkt der Stadtanlage und später Residenz der einflussreichen Württemberger Grafen und Herzöge, für 400 Jahre! Zur großen Ansehnlichkeit gesellt sich also geschichtliche Bedeutsamkeit, welche immer der beste Partner eines schönen Baudenkmals!
Die obige Ansicht zeigt die Ostseite, den Dürnitzbau mit seinen beiden mächtigen Rundtürmen, sowie rechts den niedrigeren Nordflügel. Ebenfalls aus gelbem Buntsandstein erbaut, die beiden Gotik-Renaissance-Türme der evang. Stiftskirche, die eine sehr gefällige Verbindung mit der Burgansicht eingehen.
Neben der mittelalterlichen Wuchtigkeit und Geschlossenheit und der feinsinnigen Renaissance-Sprache insbesondere des Innenhofs gefällt auch der Turmreichtum der Anlage. Zu den beiden Türmen, die oben wiedergegeben, die zugleich die mächtigsten, treten vier weitere Türme hinzu: Turm der Burgkapelle, Turm der Südwest-Ecke und die beiden schlanken Treppentürme des Schlosshofes.
            

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Links ist der polygonale Turm an der Außenseite des Südflügels zu sehen, zur sehr ansehnlichen Schlosskapelle gehörend. Die feinen Maßwerkfenster, eine Inkunabel der Gotik, gehen hier interessanterweise per Rundbogen in die Renaissance über. Sehr schön auch der oberste Stockwerk, das reizvoll kontrastierend zum massiven Naturstein in Fachwerk ausgeführt wurde und von Welscher Haube gedeckt wird.
Die Abbildung rechts oben zeigt die Westseite, die auf den Schillerplatz weist. Hier wie auf der Nordseite tritt zum gelben auch roter Sandstein, der bei aller Ansehnlichkeit die Homogenität der Ansichten untergräbt. Der berühmte Schiller blickt kupfern von seinem hohen Postament gleichsam auf den Südwest-Turm, der gleichfalls in Rundform angelegt ward.
Rechts unten wird der zum Neuen Schloss (Barockresidenz, links angeschnitten) weisende Nordflügel offenbart. Rechts davon ist die Stiftskirche mit Chor und beiden Türmen zu sehen. Links schließt der Dürnitzbau mit dem mächtigen Nordost-Rundturm an. Die Nordwest-Ecke blieb als einzige der vier äußeren Burgecken ohne Turm. Am auffälligsten an der ansonsten unaufgeregten Außenseite des Nordflügels sind die je zwei großen und kleinen Zwerchhäuser, die buntscheckige Sandsteinfassade in die Dachebene verlängernd; des weiteren das in den Schlosshof führende Tor.
Das Alte Schloss litt 1931 einen großen Brand, der den Dürnitzbau schwer beschädigte. Man schritt alsbald an den Wiederaufbau, der aber zusammen mit noch größerem Schaden erneutes Opfer der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs, die im übrigen die gesamte Altstadt Stuttgart praktisch "ausradierten".
            

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Wo das Alte Schloss von außen beeindruckende Trutzburg, so zeigt sich die Innenseite von ganz anderer Wirkung: im Stil süddeutscher Renaissance wurden an drei der vier Hofseiten höchst eindrückliche Arkaden aus kostbar bearbeitetem Sandstein geschaffen. Die Frührenaissance-Arkaden, die auch für die vierte Seite (Innenseite des Dürnitzbaus) geplant waren, zählen zu den bedeutendsten Renaissance-Arkaden Deutschlands - ja an diesem bestimmten Punkte vermag das Alte Schloss sogar über das weltberühmte Heidelberger Schloss zu triumphieren, wo die Renaissance-Arkaden deutlich sparsamer eingesetzt; ganz Süddeutschland weiß um keine ebenbürtige Paralelle.
Über drei Stockwerke werden die Segmentbögen der Arkaden von kannelierten korinthischen Säulen getragen. Über Kreuzrippengewölbe, spannend von den Säulen zu den Gebäudeaußenwänden, werden die Gänge abgelastet. Balustraden von Säulenpostament zu Säulenpostament bilden die Umwehrung. Stockwerksweise von unten nach oben werden die Säulen schlanker; dabei bleiben die Säulenschäfte aber immer dem Formgefühl deutscher Renaissance verpflichtet, erreichen bewusst nicht die Proportion der inspirierenden italienischen Renaissance, die sich direkt an der Antike orientierte.
Links die Nordwest-Ecke mit rundem Treppenturm aus rotem Sandstein, der sich schön abhebt von den weitgehend aus gelbem Sandstein errichteten Arkaden. Rechts oben der Blick auf die Südseite des Hofes (rechts Dürnitzbau), wo auch das Reiterstandbild Graf Eberhards im Bart steht, seit 1495 erster Herzog von Württemberg. Gestaltet wurde dieses vom Hofbildhauer Ludwig von Hofer (19. Jahrhundert). Rechts unten nochmals der Treppenturm der Nordwest-Ecke im gelungenen gestalterischen Zusammenspiel mit den Arkaden.
            

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Sehr ansehnlich ist auch die Zusammenschau des Alten Schlosses mit der historischen Bebauung nach Westen, dem Ensemble des Schillerplatzes. Wie das Schloss wurden auch diese Gebäude im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, zum großen Glück aber gleichfalls rekonstruiert. Der Schillerplatz wurde darüber das "letzte Stück altes Stuttgart", in der weitgehend modernen Bebauung des Stuttgarter Zentrums der schönste Stadtplatz.
Links oben blickt man vom Schloss auf die Westseite des Platzes, die ganz vom barockprächtigen Neuen Bau geschlossen (rechts die Kanzlei, links ein Pfeiler der Stiftskirche und der perspektivisch stark verkürzte Fruchtkasten).
Links unten der gotische Chor der Stiftskirche, "bewacht" von den beiden Gotik-Renaissance-Türmen, sowie die gelbe Renaissance-Giebelfassade des Fruchtkastens (Südseite des Platzes). 
Rechts unten sieht man die lange weiße Spätgotik-Renaissance-Fassade der im 16. Jahrhundert erbauten Alten Kanzlei (nördliche Platzbegrenzung). In der Platzmitte steht das Schiller-Denkmal.
Rechts oben ergänzt per nördlicher Schmalseite der Dürnitzbau mit dem mächtigen Nordostturm.
            
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Links gewahrt man den zentralen Abschnitt der westlichen Hofseite. Der Ausbau zur prächtigen Renaissance-Residenz erfolgte 1553-78 unter den Herzögen Christoph und Ludwig. Neben den Arkaden wurde 1560 auch die Reitertreppe erbaut, 1562 die Schlosskirche mit ihrem kostbaren Innenraum eingeweiht und der Konferenzsaal ausgestaltet. Am Ende war aus der trutzigen Wasserburg ein edler Renaissance-Palast geworden, eine würdige Residenz des 16. Jahrhunderts.
Die Bedeutung des Schlosses sank erst im frühen 18. Jahrhundert, als die württembergische Herzogsresidenz in die barocke Neustadt Ludwigsburg verlegt wurde. Das Alte Schloss war zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht mehr zeitgemäß, der Schlosshof zu eng, die Räumlichkeiten nicht großzügig genug. Der barocke Zeitgeschmack verlangte nach großartiger Repräsentation und Weitläufigkeit, die in der Ludwigsburger Residenz ihre Entsprechung fand. Und selbst als Stuttgart wenige Jahrzehnte später wieder zu Residenz erkoren wurde, benötigte man an Ort und Stelle einen barockprächtigen Neubau, der in unmittelbarer Nachbarschaft als raumgreifendes Neues Schloss von Stuttgart errichtet wurde, während das Alte Schloss nach außen bullig wehrhaft blieb, selbst nachdem man den fortifikatorisch nicht mehr ausreichend schützenden Burggraben schlicht zuschüttete (gleichfalls noch im 18. Jahrhundert).
Bis zur Verfüllung des tiefen Wassergrabens war das Alte Schloss vom Schillerplatz also räumlich getrennt, wo heute ungebrochene Einheit. Die rechte Abbildung gibt den Blick von eben jenem Platze wieder, auf den Südwest-Rundturm, hinter welchem noch der Turm der Schlosskapelle (Südflügel) hervorlugt.
            
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Nach dem schlimmen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, war man sich im Gegensatz zum Gros der Stuttgarter Altstadt der Bedeutung des Alten Schloss glücklicherweise bewusst und baute die Anlage unter großem Mitteleinsatz wieder auf. Lange zog sich die viel Kunstfertigkeit benötigende Wiedererrichtung hin, konnte im übrigen keineswegs alles originalgetreu wiederherstellen, bis 1969 schließlich die Fertigstellung begrüßt wurde.
Heute kann man hier die reichhaltigen Bestände des Landesmuseums Württemberg sichten. Auch darf der Hinweis nicht fehlen, dass das württembergische Königspaar Karl I. und Olga in der Königsgruft unter der Schlosskirche seine letzte Ruhestätte fand.
Abschließend der Blick auf sie Ost- und Nordseite der in der Grundform rechteckigen Schlossanlage: der Dürnitzbau mit seinen stämmigen Rundtürmen und der Nordflügel, noch heute mittelalterliche Monumentalität atmend.


Quellen
1) Besichtigung vor Ort: Schloss und Stadt
2) Wikipedia-Artikel Altes Schloss (Stuttgart)
3) Homepage Landesmuseum Stuttgart
4) Gradmann, Eugen / Christ, Hans / Klaiber, Hans: "Kunstwanderungen in Württemberg und Hohenzollern", Belser Verlag Stuttgart, 1955
            
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