Schlösser und Burgen in Baden-Württemberg
  Schloss Sigmaringen
 

Am Südrand der Schwäbischen Alb, an der jungen Oberen Donau erhebt sich auf langgestrecktem Felsen eine der malerischsten Burganlagen ganz Deutschlands. Das Hohenzollernschloss, die Altstadt Sigmaringens nach Norden ganz abriegelnd, gewinnt die Besucher durch schiere Größe, die spektakuläre Lage auf steilem Felsen fast direkt an der Donau und die ungemein pittoreske Wirkung der Fassaden der verschiedenen Baukörper, Giebel, Türme und Türmchen.
Man kann das staunend machende Schloss ohne weiteres als ein Idealbild eines mittelalterlichen Fürstenschlosses ansehen. Es ist gleichsam "so ideal", dass das kundige Auge sofort bemerkt, dass die großartige Anlage keine genuin mittelalterliche, sondern vor allem eine historistische der Wende 19./20. Jahrhundert sein kann. Wohl fußt diese baden-württembergische Sehenswürdigkeit im Mittelalter, folgt mit ihren Außenwänden auch jenen Vorgaben, was aber die ergreifende malerische Wirkung zeugt, entstand nach einem verheerenden Brand 1893 als Wiederaufbau, der mit den Mitteln des Mittelalter-verliebten Historismus ganz bewusst ein Idealbild einer Fürstenburg verwirklichte. Damit steht das Hohenzollernschloss auf der gleichen ideellen Basis, dass wenige Jahre zuvor das noch berühmtere Schloss Neuschwanstein im Allgäu aus der Hand des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. entstehen ließ. Es war vollendete Mittelalter-Romantik, das so gezielt auf ein bedeutendes Bauwerk konzentriert, das baden-württembergische Märchenschloss schlechthin schuf. An solch reiner Intention und gestalterischer Qualität gleich kommt ihm einzig Schloss Lichtenstein bei Reutlingen. 
            

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Das linke Bild zeigt die imposante, zweitürmige Toranlage des Schlosses. Durch das schmale Tor "schlupfend", gelangt man durch die rampenartige Torhalle auf den Schlosshof. Am reizvollsten ist die Außenansicht der Ostspitze (rechtes Foto), die malerischen Außenmauern in direkter Verlängerung des rauhen Kalkfelsens in die Höhe türmend. Hier, an diesem abwehrstrategisch am besten geschützten Punkt entstand wurde die Burg ursprünglich gegründet.
Schloss Sigmaringen entstand im wesentlichen in drei Ausbauphasen. Die erste unter den Grafen von Sigmaringen-Spitzenberg fand vom 11. -13. Jahrhundert statt, eine kompakte romanische Veste zeugend. Das heutige Schloss folgt, wie bereits erwähnt, noch häufig deren Grundmauern, wie auch der untere Abschnitt des Bergfrieds die seinerzeit typischen Buckelquader (Stauferzeit) bewahrt hat. Auch darf man den romanischen Torbogen des einstigen Burgtors noch bewundern. Alles andere der 80 auf 30 Meter großen Anlage wurde Raub von Zerstörung oder Modernisierung.
Die zweite Bauepoche kam aus der fleißigen Hand der Grafen von Werdenberg ca. 1460 bis 1500, die aus der romanischen Burg ein Schloss der Spätgotik, bzw. Renaissance schufen, geprägt von mehr Großzügigkeit der Räumlichkeiten und der Befensterung. 1530 und 1539 kam es zu Bränden.
Ab 1540 befand sich das Schloss endgültig in Besitz der Hohenzollern, in welchem es bis dato verblieb. So blieb es diesem Hause vorbehalten die beiden größten Zerstörungen des Schlosses zu erdulden und für den Wiederaufbau zu sorgen. 1633 im Zuge des 30jährigen Krieges, namentlich bei der schwedischen Rückeroberung unter dem berüchtigten General Horn brannten große Teile des Schlosses aus.
            

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Die Instandsetzung der Jahre 1658/59 und die weiteren Maßnahmen bis ins späte 18. Jahrhundert sorgten für das aus heutiger Sicht zweifellos merkwürdigste Erscheinungsbild der Anlage, welche nämlich im vorherrschenden Zeitgeist ein Barockschloss schufen, bis hin zum Zwiebeldach für den Bergfried. 
Was heute gleich dem Idealbild einer mittelalterlichen Burg, mühte sich also über hundert Jahre als Barockschloss über die Zeit, bei der Grundanlage als wehrhafte Burg natürlich vergeblich. Denkt man an die bekannten Barockschlösser im Ländle: Ludwigsburg, Mannheim, Bruchsal, Karlsruhe, etc., so konnten diese sich auf freier Fläche frei entfalten. Sigmaringen dagegen muss wie ein zusammengekneteter Palast gewirkt haben.
Dann der letzte große Schlossbrand, Katastrophe und Chance zugleich. 1893 das Ungemach. Was ab 1855 schon begonnen, die Umgestaltung durch den Historismus, konnte nun ungehemmt über das ganze Schloss ausgebreitet werden. Dem Mittelalter nachstrebend wurden die Fassaden malerisch in Szene gesetzt. Was nun entstand war an pittoresker Wirkung und an Ausdehnung des Schlosses auch der Blütezeit unter den Grafen von Werdenberg im 15./16. Jahrhundert weit voraus. Die Prachtentfaltung des Schlosses war nun an ihren Höhepunkt gekommen. Puristen mögen die Nase rümpfen und viel größeres Gefallen an echtem Mittalter haben. Auch eine Haltung; wer aber darüber hinaus sehen kann, der hat seine helle Freude an dieser Inszenierung des Mittelalters, heischend nach malerischer Wirkung.
Die Abbildung oben zeigt die Stadtseite des Schloss (Südseite). Einst war das Schloss das "Rückgrat" der mit ihr verbundenen Stadtbefestigung, indem sie einen Angriff aus Norden fast unmöglich machte. So sehenswert die Zusammenschau mit der Altstadt und der Stadtkirche St. Johann, effektvoller bleibt doch die umgekehrte Ansicht, das "Balancieren" des Schlosses auf dem schroffen Felsen über der Donau.
            

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Das linke Foto zeigt die Spitze des Bergfrieds (von Norden), der durch die diversen Erweiterungen und Umbauten fast ganz von Gebäuden umschlossen wurde, seine einstige relative Freistellung also einbüßend. Als kühn und einzigartig geformte Spitze ist wichtiger Bestandteil des Schlossprospekts. 1901 wurde das noch erhaltene Zeltdach abgetragen und durch das oktogonale, spitze Helmdach ganz aus Tuffstein ersetzt.
Das mittlere Bild zeigt einen Abschnitt der Südansicht, die durch die Nähe der Stadtgebäude nur im Bereich des Schlosstores Monumentalität zur Schau stellen kann. Links ein Teil des Römerturms, dann einer der beiden Tortürme und vorne der überdeckte Gang vom Schloss zur Kirche St. Johann, den Fürsten Begegnungen mit Wind, Wetter, Untertan "ersparend".
St. Johann, die schöne Barockkirche Sigmaringens tritt insbesondere durch ihren Turm in schöne Zusammenschau mit dem Schloss (hier der Römerturm), die Schlossprospekte je nach Standpunkt um einen weiteren vertikalen Aspekt bereichernd.
            

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